Learning & Studies

Christian Meier shares some of his records regarding lectures he attends. Sometimes he is writing an essay to summarize books he has read, talks he has heard or ideas he has got – but for lack of time a lot of his thoughts will remain in mindmaps. Switch to Logbook to get a chronological overview of all posts (in a mixture of German and English language).

more
In der Politik ist vieles in Wirklichkeit ganz anders, als es in den Medien und in der Politik selbst dargestellt wird. Schulbücher, Medien und vor allem die Parteien und ihre Prominenz neigen dazu, ein idealisiertes Bild von der Demokratie zu zeichnen. Da geht es angeblich um das Gemeinwohl. Da geht es angeblich um den Wählerwillen – um das, was das Volk will. Da werden hehre Prinzipien verkündet und angeblich verwirklicht. Übersteigerte, idealisierte Erwartungen an die Politik sind das Gefährlichste, was einer Demokratie passieren kann. Denn sie führen unweigerlich zur Enttäuschung. Solche übersteigerten und dann enttäuschten Erwartungen sind die häufigste Ursache für eine Abwendung und Verachtung für die tatsächlich praktizierte Demokratie. Manche führt solche Enttäuschung zu autoritären oder sogar diktatorischen Varianten der Politik. Denn diese treten meist mit dem Versprechen auf, die häufigste idealisierte Erwartung an Demokratie erfüllen zu können, nämlich das "Gemeinwohl" schnell und ohne Streit durch klare und eindeutige radikale Lösung aller Probleme durchzusetzen, wenn sie erst mal die ganze Macht haben. Einen Einstieg in das Thema gibt Wolf Wagner mit dem Taschenbuch "Wie Politik funktioniert" veröffentlicht von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen.

»Demokratie ist eine Veranstaltung, in der jeder in jedem Augenblick mitverfolgen kann, wie unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Bedürfnissen und Weltanschauungen miteinander ringen – mal setzt der eine etwas durch, mal der andere. Momentan herrscht allerdings ein Zeitgeist, der die eigene Perspektive und das eigene unmittelbare Interesse absolut setzt – und wehe, die Politik kann nicht sofort liefern, was bestellt worden ist...« (Detlef Esslinger im Leitartikel der SZ vom 11.5.2016)

Demokratie herrscht überall dort, wo die Mehrheit entscheidet! Dieser Definition dürfte fast jeder zustimmen. Falsch, sagt der Philosoph und Professor für Politische Theorie Julian-Nida Rümelin und erklärt warum.

»Die Demokratie fordert tatsächlich von allen Bürgerinnen und Bürgern, dass sie mit einer Haltung, die irgendwo zwischen Akzeptanz, Toleranz und Zähneknirschen liegt, hinnehmen, dass andere ganz anderer Meinung sind. Ist das so schlimm, wie es klingt? Nein. Denn wer in demokratischen Gesellschaften lebt, lernt dort von allein, mit der Erfahrung von Differenz zurechtzukommen. Er weiß auch: Manche letzte Grenzen werden durch das Recht geschützt. [...] Fundamentalismus und Dogmatismus haben keinen Platz in der Demokratie. Wer auf die Frage nach dem Volk, nach dem demos, mit einem bestimmten ethnos antwortet, verfehlt die Offenheit der Demokratie.« (Martin Saar, Professor für Politische Theorie an der Universität Leipzig im Interview in DER ZEIT vom 3.9.2015)

Interview und Diskussion vom 17.6.2016 auf WDR5 mit Jan-Werner Müller (Professor of Politics at Princeton University), welcher sagt: »Der Populismus ist der Schatten der repräsentativen Demokratie.« — siehe hierzu "Was ist Populismus?" Suhrkamp Verlag, 2016 und Schriftenreihe (Bd. 1752) der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. In einem Gastbeitrag in der FAZ vom 6.5.2016 beschreibt Müller, woran man Populisten erkennen kann und erklärt kurz und bündig auf DLF den Unterschied zwischen einem berechtigten Vorwurf, ein Populist zu sein – und der Nutzung als Kampfbegriff zur Vermeidung notwendiger Diskussion [4:35]. Außerdem findet sich ein vom 11.6.2016 archiviertes Diskussionsforum auf sz.de zum Thema.

Mit Charme, Charisma und unerbittlicher Determination versuchen politische Populisten Frust und Wut in der Bevölkerung zu kanalisieren und in Hass und Verachtung zu verwandeln. Wie machen sie das? Mit welchen Mitteln und Tricks arbeiten die großen Volksverführer der Gegenwart? Wo fängt Populismus an? Wann wird er zum Faschismus? Wir müssen das Erzählmuster der Rechten durchschauen, sagt der Politikwissenschaftler Claus Leggewie (*1950 in Wanne-Eickel), Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen. Dieses Muster basiert auf einem Gegensatz, einem Graben, der immer wieder beschworen wird: der Kluft zwischen dem Volk da unten und denen da oben, den Eliten. Im Stich gelassen haben "die da oben" das Volk, und das auch noch in Krisenzeiten wie jetzt, sagen die Rechten – auf diesem Grundmuster basiert das populistische Denken.

Ein Essay von Johannes Thumfart auf SPIEGEL ONLINE vom 4.3.2017: »Den Erfolg von Trump und Co. auf Populismus zu reduzieren, ist zu kurz gedacht — der ist nur Symptom einer globalen Krise. Die Ursache für den autoritären Aufschwung liegt in den liberalen Demokratien selbst. [...] Die Stabilität der nicht notwendigerweise harmonischen Beziehung zwischen Demokratie und Kapitalismus wurde nach dem Zweiten Weltkrieg durch großzügige, größtenteils kreditfinanzierte Geschenke an die Mittelschicht erkauft. Es ist unwahrscheinlich, dass die arg in Anspruch genommenen Kredit- und Sozialsysteme solche Geschenke in Zukunft ermöglichen. Die Frage, wie ernst es die Demokratie mit ihrem Versprechen von Freiheit, Gleichheit und effizienter Konsensfindung auch in der Lebenswirklichkeit meint, ist angesichts weiter steigender Ungleichheit und immer komplexerer politischer Herausforderungen keine triviale mehr.«

Die Weimarer Republik, die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland, bestand lediglich 15 Jahre. In den Tonaufnahmen der Parlamentsdebatten wird das Scheitern unmittelbar erfahrbar, inhaltlich wie emotional. Beim Anhören der Reichstagsdebatten von 1931 bis zum Ermächtigungsgesetz 1933 drängt sich die Frage auf: Welche Parallelen gibt es zu heute, wo anti-demokratische Strömungen in Europa wieder stärker werden? 1923 begann der Rundfunk in Deutschland und ist immer auch ein Thema in den parlamentarischen Debatten. So wurde bspw. im März 1931 die Rundfunkfreiheit problematisiert und im Februar 1932 gab es eine große Empörung darüber, dass die Rede von Reichskanzler Brüning im Rundfunk übertragen wurde. Das SWR2 Archivradio präsentiert die wichtigsten Tondokumente bis zur Abschaffung der Republik am 23. März 1933: Adolf Hitler tritt im Parlament auf und lässt sich innerhalb des zweistündigen Mitschnitts den Freifahrtschein für den Aufbau des Faschismus in Deutschland geben. Der Berliner Rundfunk hatte bereits Mitte der 1920er Jahre Mikrofone im Reichstag aufgestellt und Debatten auf Schellackplatten gebannt. Diese befinden sich seit 1959 auf Tonbändern im Deutschen Rundfunkarchiv – viele der Aufnahmen waren bisher unveröffentlicht.

Beitrag von Franz Walter (*1956), ehemaliger Direktor des Göttinger Instituts für Demokratieforschung: »[...] Der Begriff „Große Koalition“ ist mittlerweile falsch und wirkt dadurch allein denunzierend, als spiegele er noch eine alles erdrückende Regierungsmacht. Die Bürgerinnen und Bürger können keine Regierung wählen. Sie sprechen allein im Wahlakt ihre Parteipräferenzen aus. Dieser Befund liegt seit dem 24. September vor. Die Parteien haben die Aufgabe, auf Basis dieses Resultats eine mehrheitsbasierte und kalkulierbare Exekutivinstanz zu schaffen. Sie geben bei Schwierigkeiten die Verantwortung für Mehrheits- und Entscheidungsbildung nicht an den „Souverän“ zurück. So etwas, die eilfertige Rückgabe von Aufgaben an den Souverän, wäre dann keine parlamentarisch-repräsentative Demokratie mehr. [...] Aus der Geschichte bundesdeutscher „großer“ Koalitionen im Bund und in den Ländern ist ein struktureller Nachteil für die SPD keineswegs herauszulesen – im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts hat die in dieser Dekade erodierende SPD nicht nur im Bündnis mit der CDU während der Jahre 2005 bis 2009 verloren, sondern in nahezu allen anderen Varianten ebenfalls – auf einen exquisiten Verschleiß des Sozialdemokratischen im Bündnis mit den Christdemokraten weist wenig hin. [...]« (22.11.2017)
Beitrag von Sascha Lobo (*1975) zur Zukunft der Sozialdemokratie: »Die SPD stürzt von einer Krise in die nächste. Vielleicht sollte sie sich auf eine ihrer Grundideen besinnen: [...] die Partei wurde als Reaktion auf die Industrialisierung gegründet, um die Folgen der Maschine gesellschaftlich zu bewältigen. Man könnte die SPD als Technologie-Bewältigungspartei betrachten, ohne ihr allzu großes Unrecht zu tun. Maschinen sind heute digital, vernetzt und social, und es erscheint dringlicher als je zuvor zu unseren Lebzeiten, die Folgen dieser Entwicklung gesellschaftlich zu bewältigen. [...] Das Arbeitsbild der SPD ist aber nicht auf eine Weiterentwicklung des Arbeitsbegriffs ausgerichtet, sondern auf eine Eingemeindung der Digitalisierung in den alten Arbeitsbegriff. Das Netz wirkt auf Arbeit gleichzeitig im besten und im schlechtesten Sinne flexibilisierend, und eine ganze Generation hat den Glauben an eine ausreichende "Rente" nach der Arbeit verloren. Die SPD empfiehlt dagegen Tarifverträge und glaubt, das Problem bestehe in sachgrundlosen Befristungen. In einer Zeit, in der nicht viele Leute wissen, ob es ihren Job in zehn Jahren noch so gibt. [...]« (SPON, 17.1.2018)

Ein halbes Jahr nach der Bundestagswahl im Herbst 2017 wird im Frühjahr 2018 eine neue Regierung in Deutschland als sogenannte „Grosse Koalition“ die Arbeit aufnehmen. Ich befürchte, dass sich das diffuse Gefühl „Die da oben machen doch eh was sie wollen“ in weiten Teilen der Bevölkerung tendenziell verstärken wird. Es wird dann lediglich als „Notwehr“ betrachtet, die Stimme radikalen Volksvertretern bzw. Interessenvertretungen zu geben – „ansonsten ändert sich ja nichts“. Aus meiner Sicht kann auf dieser Basis die eigentlich dringend notwendige gesellschaftliche Auseinandersetzung nicht sinnvoll geführt werden. Der politische Diskurs wird vermutlich noch verkürzter, reflexartiger und schablonenhafter werden. Konstruktive Ideen werden sich noch schwerer gegen destruktive Ambitionen behaupten können.

»Demokratie ist keine perfekte Regierungsform, dennoch gibt es bis heute keine Staatsform, die das Zusammenleben der Menschen besser regelt. Im 20. Jahrhundert war die Demokratie noch die erfolgreichste politische Idee, heute steht sie zunehmend unter Druck: Globalisierung, Populismus und Veränderungen im Mediensystem fordern sie heraus. Diese Entwicklung wurde 12 Jahre lang im NCCR Democracy erforscht. An der öffentlichen Veranstaltungsreihe wird über die aktuellen Herausforderungen für die Demokratie diskutiert.«
Micheline Calmy-Rey (*1945) was elected to the Swiss Federal Council in 2002 and became Switzerland’s foreign minister as head of the Federal Department of Foreign Affairs from 2003 until 2011. She was pursuing an active foreign policy advocating the further development of Switzerland’s relationship with the EU and the strengthening of the country’s international presence through a policy of “active neutrality.” She was President of the Swiss Confederation in 2007 and 2011. Since 2012 she has been Visiting Professor at the Global Studies Institute at the University of Geneva and coined the term "Diplomatic Engineering". In her public lecture at the University of Zurich on 28 September 2017, she has explored the challenges of Swiss foreign policy in an increasingly interdependent world.

Die Sehnsucht nach Gemeinschaft ist ein Dauerbrenner der deutschen Geschichte. Sie stellt Parteien vor ein unlösbares Problem und befördert den Populismus – Beiträge von Frank Bösch u.a. in der ZEIT N° 39 / 2016. Frank Bösch promovierte über die CDU in der Adenauer-Zeit und ist Professor für Deutsche und Europäische Geschichte des 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam sowie einer von zwei Direktoren des Zentrums für Zeithistorische Forschung. Die Ausgabe ZEIT GESCHICHTE 3/2016 erzählt die Geschichte der Demokratie in Deutschland – von 1789 bis heute: "Die Deutschen und die Demokratie – nein, es war keine Liebe auf den allerersten Blick. Bevor der Flirt mit der Freiheit zur festen Beziehung wurde, verstrich mehr als ein Jahrhundert voller hochfliegender Hoffnungen und bitterer Enttäuschungen. Die Vorkämpfer unserer Demokratie lernten zur Genüge, wie Niederlagen schmecken. Später erwuchs daraus das Bild eines einzigen Fehlversuchs. Die Geschichte wurde von ihrem katastrophalen Ende her geschrieben – als Chronik des Scheiterns, bis in dieser Lesart nach 1945 die Siegermächte das antidemokratische Virus entfernten und ein neues Betriebssystem installierten. Unsere Demokratie verändert sich, und ihre Zukunft ist nicht gewiss. Die schwärmerische Vorstellung, wir seien Teil einer unaufhaltsamen Fortschrittsgeschichte, die früher oder später auch den Rest der Welt beglückt, ist so faszinierend wie falsch. Die Demokratie ist den Deutschen nicht in den Schoß gefallen, und sie wird auch künftig kein Selbstläufer sein."

Eine Analyse von Stefan Ulrich in der SZ vom 6.8.2016: »Die Republik ist in tödlicher Gefahr. Putschisten wollen die Macht ergreifen, um die verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen. In dieser Lage wird ein entschlossener Mann gebraucht, der unter den Verschwörern aufräumt und die Republik rettet. Dafür wird ihm zugestanden, vorübergehend als Diktator zu regieren. Die Rede ist hier noch nicht von der Republik Türkei und Recep Tayyip Erdoğan, sondern von der Römischen Republik und Lucius Quinctius Cincinnatus. [...] Am Anfang einer Diktatur kann dabei durchaus eine demokratische Wahl stehen. Dann wird ein innerer Feind ausgemacht und das Volk gegen ihn mobilisiert. Staat, Medien, Militär und Wirtschaft werden nach und nach mit Gefolgsleuten des starken Mannes besetzt. Tun sich Schwierigkeiten auf, etwa weil das dem Volk versprochene Paradies ausbleibt, oder verliert die Bewegung an Schwung, muss als Nächstes ein äußerer Feind her. [...] Die Mobilmachung eines Krieges hilft Autokraten, weiter an der Macht zu bleiben – bis zum Ende in der Katastrophe. Zugegeben, auch Demokratien führen verbrecherische Angriffskriege [...] Nur: Demokratien fällt es leichter, Fehler einzusehen und verhängnisvolle Anführer wieder loszuwerden.«

Es ist nahezu grotesk, wie Rechte, Linke und sich selbst für bürgerlich haltende Schlaumeier das Gemeinwesen schlechtreden. Die Demokratie muss aus der Defensive kommen. Ein Kommentar von Joachim Käppner auf sz.de (12.3.2018)

Es herrscht die allgemeine Vorstellung, dass die Demokraten, Menschen des Westens, einer besseren Welt angehören während der Rest in einer anderen Welt lebt, die in ihrer Andersheit keine Welt im eigentlichen Sinne ist: Es handelt sich, genau besehen, um eine Zone für Krieg, Terror, Elend und Chimären. In dieser Art "Welt" oder Zone verbringt man seine Zeit damit, seine Siebensachen zu packen, um dem Grauen zu entfliehen, um zu den Demokraten zu kommen. Diese haben es sich allerdings unter ihrem Wahrzeichen bequem gemacht. Welcher Raum und welche Ordnung machen die Demokratie zur Demokratie – u.a. Giorgio Agamben, Alain Badiou und Wendy Brown liefern hierzu Beiträge.

»Die Ironie der Geschichte des Demokratiebegriffs besteht darin, dass eigentlich von der Demokratie nicht die Rede war, als es darum ging, die moderne Demokratie zu etablieren. Vielmehr war, in Frankreich genauso wie in Nordamerika oder in Deutschland, von Republik die Rede, wenn die neue Form der repräsentativen Demokratie gemeint war (im Gegensatz zur antiken Form der unmittelbaren Demokratie). [...] Die Demokratie entwickelte sich zum Gegenbegriff der absolutistischen-feudalen Herrschaftsordnung, zum Kampfbegriff gegen die alten Mächte. Die Kräfte des Fortschritts nannten sich, im Unterschied zu den Anhängern des monarchischen Systems, demokratisch. Zugleich schien der Begriff Demokratie eine unaufhaltsame, zielgerichtete Bewegung einzufangen. [...] Zuvor aber war der Begriff Republik der Orientierungsrahmen, in dem sich die Diskussionen um die unterschiedlichen Formen der Demokratie abspielten. Noch wirkte Aristoteles' kritische Auffassung nach, dass Demokratie als Volksherrschaft auch "Pöbelherrschaft" bedeuten konnte und damit nur eine andere Form tyrannischer Herrschaft sei (zwar nicht eines Einzelnen, sondern einer Mehrheit). Auch die amerikanischen und französischen Revolutionäre waren keineswegs sicher, ob eine politische Ordnung gut und gerecht, vor allem aber stabil bleiben konnte, wenn eine Mehrheit (sprich das gesamte Volk) herrscht. [...] Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949 wurde der Anti-Parteienaffekt der Weimarer Republik zu überwinden versucht – was indes geradewegs in das problematische Gegenteil, den Parteienstaat, führen sollte. Die Transformation der Demokratie in die Parteiendemokratie bedeutete zudem die Politisierung der sozialen Frage. Parteien bilden generell soziale, gesellschaftliche Konfliktlagen auf der Ebene des politischen Systems ab. [...] Demokratie ist zwar ein geschätzter und zumindest rhetorisch anerkannter Wert – von einer universalen Gültigkeit demokratischer Prinzipien und Praktiken kann jedoch keine Rede sein. Aber gibt es einen Weg zur globalen Demokratie? Lässt sich die Demokratie als Regierungs- und Lebensform auf der Ebene eines Weltstaates einrichten? Folgt der Globalisierung die globale Demokratie? Realistische Skepsis scheint hier angezeigt zu sein: Demokratien sind auf kleinem Raum entstanden, sie haben sich auf große Flächenstaaten ausdehnen lassen, aber ob sie auch über die den Nationalstaat hinauswachsen können, das ist die entscheidende Frage. Wo sich die ökonomische, technologische und kommunikative Globalisierung kaum noch an die mehr oder minder künstlichen Grenzen von Staaten hält und damit auch die Probleme und der politische Regelungsbedarf in den überstaatlichen Bereich hineinwachsen, da scheint auch die Demokratie in die Großräumigkeit nachziehen zu müssen. [...] Grenzenloser Optimismus, der den demokratischen Fortschritt in einer globalen Zivilgesellschaft aufgehoben sieht, scheint genauso fehlzugehen wie ein defensiver demokratischer Protektionismus, der glaubt, die Handlungsräume demokratischer Politik durch eine Begrenzung der Globalisierung wiedergewinnen zu können.«

[S. 49/50, 84, 119, 125]

entnommen aus
Hans Vorländer: Demokratie — Geschichte, Formen, Theorien
Copyright © 2003, Verlag C. H. Beck, München

Siehe auch
Demokratie. Informationen zur politischen Bildung (Heft 332)
Autor: Hans Vorländer, Seiten: 84, Erscheinungsdatum: Mai 2017, Erscheinungsort: Bonn
Das Hauptwerk »Der Wohlstand der Nationen« bzw. »An inquiry into the nature and causes of the wealth of nations« (1776) von Adam Smith (1723-1790) gilt als eine der ersten allgemein akzeptierten Systematiken der Wirtschaftswissenschaften, durch welche diese zu einer selbstständigen Disziplin mit eigenem Forschungsobjekt und eigener Forschungsmethode wurde. Die britische Volkswirtschaftslehre des 18. und 19. Jh. wird als Klassische Nationalökonomie bezeichnet und nimmt im Gegensatz zur Ökonomie des Merkantilismus eine liberale Position ein. Merkantilismus ist ein nachträglich geprägter Begriff für ein stark durch staatliche Eingriffe geprägtes Wirtschaftsmodell zur Zeit des Absolutismus und war die vorherrschende Lehrmeinung der Frühmoderne in Europa (vom 16. bis zum 18. Jh.). Im Zentrum stand die Förderung der Wirtschaft im Lande und des Exports bei gleichzeitiger Eindämmung von Einfuhren. Die Lehre der Klassischen Nationalökonomie geht demgegenüber von natürlichen Gesetzen der Produktion und der Verteilung aus, d.h. eine von staatlicher Kontrolle und Weisung möglichst freien Wirtschaftsweise. Danach fällt dem Staat lediglich die Aufgabe zu, Ordnungs- und Schutzfunktionen auszuüben und die Möglichkeiten des Einzelnen übersteigende Aufgaben wahrzunehmen.

Adam Smith gilt als einer der ersten Theoretiker des Kapitalismus und wird von Anhängern als der Vater der Ideen des Freien Marktes gepriesen und von Gegnern eben dafür verdammt. Von ihm, so die weit verbreitete Meinung, stamme der Gedanke der Laissez-faire-Ökonomie – einer Ökonomie, die am besten funktioniere, wenn die Märkte sich selbst überlassen bleiben: Die geheimen Kräfte des Marktes wirkten wie eine "unsichtbare Hand", und wenn jeder seine Einzelinteressen verfolge, würde das dem Allgemeinwohl mehr nützen als ein eingreifender Staat. Der Staat, so glaubte man Smith verstehen zu müssen, habe in der Wirtschaft nichts verloren – ein Störfaktor sei er oder gar ein Feind der Wirtschaftskräfte. Aber wie kann diese Interpretation mit der von Smith in seiner »Theorie der ethischen Gefühle« (1759) geäußerten Ansicht in Übereinstimmung gebracht werden, dass Handeln nach den höchsten Maßstäben nicht an der Selbstsucht, sondern an den Tugenden orientiert ist, unter denen die Gerechtigkeit die wichtigste ist. Und zur Gerechtigkeit gehört vor allem, seinen Egoismus dem Wohl des Ganzen unterzuordnen. Hat Smith seine Ansichten im Laufe seines Lebens radikal verändert? Oder hatte Adam Smith zwei Seelen in seiner Brust?

Um dieses Rätsel zu lösen, muss man sich ein wenig von dem verbreiteten Bild eines "Marktheiligen" verabschieden und sich auf sein Denken und seine Zeit einlassen: Wer war dieser Adam Smith, der in den Diensten des Hochadels stand und doch als Vertreter einer bürgerlichen Ökonomie gilt? Wer war dieser Philosoph, von dem es heißt, er habe die Parole ausgegeben, dass es für alle am besten sei, wenn jeder seinen Egoismus verfolge – und der zugleich einer der Lieblingsautoren von Immanuel Kant (1724-1804) war, der ihn als Inspirator seiner Maxime rezipierte, dass man den Mitmenschen nichts antun solle, was man selbst nicht angetan bekommen will? Weniger als drei Jahrzehnte vor der Revolution reiste Adam Smith 1764 von Glasgow nach Frankreich. Der bekannte Professor der Moralphilosophie begleitete einen jungen schottischen Adeligen bei dessen dreijährigen Bildungsreise auf dem europäischen Kontinent. Sie besuchten Voltaire (1694-1778) in Genf; in Toulouse und in Paris begegnete Adam Smith Politikern, Wissenschaftlern und den Vertretern der französischen Aufklärung – Treffen, welche auch durch seinen Freund David Hume (1711-1776) angebahnt wurden. Reinhard Blomert macht anschaulich erzählend sichtbar, dass das legendäre Hauptwerk eben dieser Reise zu verdanken ist.

Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach (*1944 in Brunndöbra, Vogtland) vom Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gibt in der Vorlesung "Karl Marx und die Frage nach der Gesellschaft" (2004/05) eine Übersicht zu den Wandlungen des Marx-Verständnisses ausgehend vom Erfahrungshorizont des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Es werden die junghegelianischen Debatten um Kritik und Gesellschaft, die Kategorien Eigentum und Arbeitsteilung sowie die Bedeutung von Arbeit, Kraft, Wert von Hegel zu Nietzsche behandelt.
»Warnungen über die explosiv wachsende Ungleichheit und Mutmaßungen über das Ende des Kapitalismus werden schon längst nicht mehr nur von stehengebliebenen Sozialisten, sondern unter den Eliten der Weltwirtschaftsgipfel diskutiert. Grund genug, ›Das Kapital‹ von Karl Marx noch einmal gründlich zu lesen.« (Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 27.11.2016)

Als Tocqueville-Paradoxon bezeichnet man in der Soziologie bzw. der Sozialpsychologie das Phänomen, dass sich mit dem Abbau sozialer Ungerechtigkeiten gleichzeitig die Sensibilität gegenüber verbleibenden Ungleichheiten erhöht. Revolutionen brechen nicht dann aus, wenn die Repression am schärfsten ist, sondern wenn das Regime sich bereits gemildert hat und zu Reformen bereit ist – die Unzufriedenheit sich also risikoloser äußern kann, so im Falle des von Alexis de Tocqueville (1805-1859) analysierten Ancien Régime unter Ludwig XVI.

Wolfgang Streeck (*1946 in Lengerich, Westfalen) ist Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln sowie Professor für Soziologie an der Universität zu Köln. Zuvor war er, nach Stationen in Frankfurt/M., New York, Münster und Berlin, Professor für Soziologie und Industrielle Beziehungen an der Universität von Wisconsin in Madison. Wolfgang Streeck ist u. a. Honorary Fellow der Society for the Advancement of Socio-Economics sowie Mitglied der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und der Academia Europaea.

Der demokratische Kapitalismus steckt in einer Krise, die uns in Atem hält und zugleich ein diffuses Gefühl der Ratlosigkeit erzeugt. Auf schier unüberschaubare Problemlagen folgen Maßnahmen, die wie Notoperationen am offenen Herzen der westlichen Welt wirken – durchgeführt ohne Kenntnis der Krankengeschichte. So ernst die Lage ist, so wenig scheinen wir zu verstehen, was genau vor sich geht, wie es dazu kommen konnte und wohin es führen könnte. Der gegenwärtigen Situation liegt etwas zugrunde, das uns tief beunruhigen sollte: die Transformation des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus.

Randall Collins, Ph.D. (*1941 in Knoxville, Tennessee) is an American sociologist who is a Sociology professor at the University of Pennsylvania as well as a member of the Advisory Editors Council of the Social Evolution & History journal. He is a leading contemporary social theorist whose areas of expertise include the macro-historical sociology of political and economic change; micro-sociology, including face-to-face interaction; and the sociology of intellectuals and social conflict. He is considered to be one of the leading non-Marxist conflict theorists in the United States.

The political and economic structures of contemporary capitalism could simply lose their momentum considering the rising costs and social constraints. Structurally, this could mean that the world is divided into defensive, inward repressive and xenophobic blocks. Recovery of a social order in such extreme conflict situations could remember fascism – but also include the possibility of a much broader democracy.

„Das kulturelle Erbe stellt das unschätzbare Gewebe dar, das Europa zusammenhält – von Norwegen bis Griechenland und von Polen bis Spanien. Zu verstehen, dass Europa ein gemeinsames Kulturerbe besitzt, hilft uns, die gesamte Schönheit und die tiefergehende Bedeutung des Europäischen Projekts zu begreifen, aber gleichzeitig auch dessen Komplexität und Fragilität.“ (Europäischer Denkmalschutz-Verbund Europa Nostra). Informationsangebote für die Schweizerische Eidgenossenschaft finden sich unter kulturerbe2018.ch und für die Bundesrepublik Deutschland unter sharingheritage.de.

Der Hörfunkmoderator Holger Klein spricht mit dem Historiker Matthias von Hellfeld über Griechenland, das Römische Reich, den Untergang Roms und Karl den Großen, die Rolle der Kirche im Mittelalter, den Dreißigjährigen Krieg, die Entstehung Deutschlands als Staat und das moderne Europa.

In diesem Gespräch geht es um die ungeheuren Dynamik, mit der das bürgerliche Zeitalter in die Geschichte Europas trat. Stichwörter sind: Revolutionen, Säkularisierung, Romantik, Biedermeier, Industrialisierung, Kolonialismus, wissenschaftlich-technischer Fortschritt, Nation, Nationalstaat und Demokratiebewegung. Die gewaltigen gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Epoche relativieren den – oftmals als anstrengend empfundenen – permanenten Wandel unserer Gegenwart im 21. Jh.

Fokus Europa ist ein Podcast der Heinrich-Böll-Stiftung über Politik, Kultur und die Gemeinschaft in Europa. Moderation: Tim Pritlove. U.a. mit folgenden Sendungen:
Geschichte der Europäischen Einigung [1:24:56]
Vom Ersten Weltkrieg zur neuen europäischen Ordnung (2014)
Die Europäische Union [1:48:02]
Entstehung, Struktur und Beziehungen zum Bündnis (2014)
Festung Europa [1:30:46]
Flüchtlingssituation an den Grenzen und EU-Migrationspolitik (2014)

Robert Menasse (*1954 in Wien) studierte in seiner Heimatstadt sowie in Salzburg und Messina Germanistik, Philosophie und Politikwissenschaft. Er lebt als Romancier und Essayist zumeist in Wien. 2010 reiste er nach Brüssel und erlebte eine Überraschung nach der anderen: offene Türen und kompetente Informationen, eine schlanke Bürokratie, hochqualifizierte Beamte und funktionale Hierarchien. Kaum eines der verbreiteten Klischees vom verknöcherten Eurokraten trifft zu. Ganz im Gegenteil, es sind die nationalen Regierungen, die die Idee eines gemeinsamen Europa kurzsichtigen populistischen Winkelzügen unterordnen. Damit werden sie zu Auslösern schwerer politischer und wirtschaftlicher Krisen in der EU. Menasse fordert »die Erfindung einer neuen, einer nachnationalen Demokratie«.

Peter Trawny (*1964 in Gelsenkirchen) ist ein deutscher Philosoph und Hochschullehrer an der Bergischen Universität Wuppertal. In seinen letzten Arbeiten widmet sich Trawny der Ausarbeitung eines philosophischen Verständnis von Globalisierung und Kosmopolitismus. Trawny versucht die Globalisierung aus ihrem Spannungsverhältnis zu den Medien zu interpretieren und kommt so zu einer Bestimmung des Mediums als »die immaterielle Einheit von Technik und Kapital« – Fragen der Politischen Philosophie verflechten sich so mit jenen der Technik- und Medienphilosophie. Trawnys Essay behandelt eines der größten politischen Projekte der Welt: Europa – Was konstituiert es? Wo liegt die Zukunft? Ist ein anderes Europa denkbar?

Die Europäische Union durchlebt derzeit gleich mehrere existentielle Krisen: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit erscheinen in einigen Mitgliedstaaten nicht gesichert, das Wohlfahrtsversprechen der Union klingt vielen Menschen hohl, die Staats- und Regierungschefs untergraben im Europäischen Rat die Gemeinschaftsorgane, die Idee gemeinsamer europäischer Politik weicht der Vorstellung bilateralen Kräftemessens. Weitere Beiträge von Ulrike Guérot hierzu u.a.:
»Manifest für die Begründung einer Europäischen Republik« (mit Robert Menasse vom 23.3.2013)
»Eine neue Leitidee – die europäische Republik« (mit Armin von Bogdandy in der FAZ vom 19.9.2013)
Interview auf Deutschlandradio Kultur [3:57] (vom 12.4.2016)
Interview in der SZ (vom 21.6.2016)
Vortrag am Europa Institut der Universität Zürich (vom 1.11.2016)
Vortrag »Europa als Republik? Mehr als eine Utopie« [49:22] (DRadio Wissen Hörsaal vom 17.12.2016)

Ulrike Guérot lässt die Europäischen Republik am 8. Mai 2045 entstehen – ein schlüssiges historisches Datum für Europa. Eine derartige Utopie muss also nicht unmittelbar verwirklicht werden, sie gibt aber die Richtung vor – den Horizont, den Silberstreifen, damit wir uns aufmachen auf den Weg. Das gewählte Datum liegt ungefähr so weit in der Zukunft, wie der Vertrag von Maastricht zurückliegt. Eine Generation stellt eine Zeitspanne dar, die ausreichend Handlungsmöglichkeiten bietet und trotzdem noch in seinen Auswirkungen (auch unerwarteten Ereignissen) ermessen werden kann. Die Verwirklichung eines politischen Gleichheitsgrundsatz für alle Bürger Europas ist im Grunde eine Forderung wie in der Französischen Revolution. Damals hieß die Forderung Gleichheit jenseits von Klassen – heute müsste sie lauten: Politische bürgerliche Gleichheit jenseits von Nationen. Ulrike Guérot erinnert daran, dass Souveränität ein individuelles Konzept ist: der Bürger ist souverän – nicht ein Volk, und schon gar nicht ein Staat. Das heißt, im Grunde ist ihre Utopie von der Europäischen Republik ein Angebot, erst mal zu verstehen und dann zu formulieren, dass wir als souveräne Bürger auch eine politische Einheit schaffen können. Die Bürger verleihen ihre Souveränität gegenwärtig einem Staat. Sie können sie sich aber auch zurückholen und in ein neues, europäisches, politisches Projekt gießen – zumindest theoretisch. Menschen haben seit der Antike Republiken gegründet, wenn sie politische Emanzipationsprojekte verfolgten und sich demokratisieren wollten. Die Republik (lat. res publica, wörtlich: "öffentliche Sache") steht historisch für die Organisation und die Verwaltung des Gemeinwohls. Dies ist ein fundamental anderes gedankliches Konzept als bspw. ein Binnenmarkt.

Sind die europäischen Nationalstaaten nur noch museale Überbleibsel einer vergangenen Epoche? Die Globalisierung hat schließlich die Tendenz, Nationalstaaten zu überwinden, gelten sie doch mit ihren eigenen Identitäten, Kulturen und Ökonomien als Hemmschuhe für einen einheitlichen Weltmarkt und einen europäischen Superstaat, der alle nationalen Identitäten getilgt hat. Dabei wird übersehen, dass die Nationalstaaten eine Alternative sind zum Traum von neoliberaler Grenzenlosigkeit. Prof. Wolfgang Streeck, emeritierter Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung in Köln, beschreibt diese Alternative. (SWR2 Wissen: Aula vom 29.10.2017)

Eurosklerose, das war die Selbstdiagnose in den 1980er Jahren. Kein großer Knall, kein dramatisches Aufbäumen – sondern ein langsames Zerbröseln der europäischen Zusammenarbeit. Im Sommer 1984 hätte Margaret Thatcher der Europäischen Gemeinschaft um ein Haar den Todesstoß gegeben: "Wir wollen keinen Pfennig des europäischen Geldes für Großbritannien, aber wir fordern einen großen Teil unseres eigenen Geldes zurück." Die Regierungschefs der EWG hatten sich im französischen Fontainebleau getroffen. Das resolute Pochen der britischen Premierministerin auf milliardenschwere Rückzahlungen trieb die ohnehin bis dato schwerste Krise der Europäischen Gemeinschaft auf die Spitze. Die Ölschocks der 1970er Jahre hatten die europäische Wirtschaft schwer getroffen. Die Arbeitslosigkeit war dramatisch angestiegen, die Inflation ausgeufert, das Wachstum eingebrochen. Die europäischen Länder suchten ihr Heil zunehmend in nationaler Wirtschaftspolitik. Jeder für sich und mit den Ellbogen gegen die anderen. Dazu kam die aus dem Ruder gelaufene Agrarpolitik. Um die Einkommen der Bauern zu sichern, hatte Brüssel immer größere Mengen an Milch, Getreide und Fleisch aufgekauft, die niemand haben wollte. Hunderte von Getreidespeichern und Kühlhäusern wurden angemietet. Die europäische Idee drohte unter explodierender Arbeitslosigkeit, politischer Ratlosigkeit, und unter riesigen Fleisch- und Butterbergen zu ersticken. (Deutschlandfunk, Hintergrund, 1.1.2018)
»Wir sind das größte Experiment der Menschheitsgeschichte, allerdings eines ohne Kontrollgruppe: Können siebeneinhalb Milliarden Menschen, die die Exponentialfunktionen nicht wirklich begreifen, mit einer sich exponentiell verändernden Welt umgehen oder nicht?« (Kolumne von Christian Stöcker auf spon.de, 25.3.2018). Siehe hierzu auch in der Arena Gary Hamel: Reinventing the Technology of Human Accomplishment (2011) und den in der Kolumne erwähnten Text von Kathrin Passig: Standardsituationen der Technologiekritik (2009).

Aus meiner Sicht besteht Arbeit aus zwei wesentlichen „Modulen“: lebenserhaltende und -strukturierende Beschäftigung; m.E. primär zur Existenzsicherung und Regeneration im Sinne: „am Laufen halten“ (engl. labour, job, occupation => motion) sowie sinnhafte und -stiftende Tätigkeit; m.E. primär zur Anhäufung verschiedener Kapitalsorten im Sinne: „ein Vorankommen erreichen“ (engl. work, activity, usefulness => progress). Im Idealzustand fällt beides theoretisch im Arbeitsbegriff und praktisch am Arbeitsplatz zusammen. Jedoch scheint uns am Übergang vom „Industriezeitalter“ zum „Digitalzeitalter“ ersteres abhanden zu kommen. Im „Industriezeitalter“ wurde auf die routinemässige Beschäftigung von Menschen fokussiert und durch Arbeiterbewegungen und Arbeitskämpfe für eine immer breitere Mittelschicht sozialverträglich organisiert – dass dies in unserer westlichen Gesellschaft offensichtlich so nicht mehr funktioniert, ist weitreichend analysiert worden. Allerdings liegt der gegenwärtigen Situation etwas zugrunde, das uns tief beunruhigen sollte: die Transformation des Verhältnisses von Demokratie und Kapitalismus. Damit das Konzept der Arbeit im Globalen Norden weiter funktionieren kann, müssen wir m.E. gesellschaftlich mit der Automatisierung des „Module #1: Labour“ adäquat umgehen und gleichzeitig das „Module #2: Work“ transformieren transformieren sowie kontinuierlich optimieren...

Ich sehe bei der Diskussion um das anbrechende „Digitalzeitalter“ grosse Parallelen zum „Atomzeitalter“ – teilweise mit vertauschten Rollen was die treibenden Kräfte angeht – aber in punkto Technikfolgen mit ähnlichem politisch-gesellschaftlichen Diskussionsbedarf. Mir kommt es so vor, als würden wir im „Digitalzeitalter“ ähnlich wie im „Atomzeitalter“ darauf hoffen, dass uns da schon was einfallen wird, während wir die jeweiligen Technologien schon mal in Betrieb nehmen und nutzen: Sicherheit, Schutz, Endlagerung, etc. schaffen es nur im Krisenmodus nach Katastrophen auf die Agenda. Im Gegensatz zum „Atomzeitalter“ sind bei der Nutzung von Internet-Technologien wirtschaftliche Akteure die treibenden Kräfte. Sie schaffen permanent neue Fakten. Die Politik kommt diesmal erst im Nachgang zum Zug. Digitale Produkte werden in einer so hohen Taktrate technisch umgesetzt und verkauft, bevor diese überhaupt gesellschaftlich verstanden werden können. Wir können nur noch Schadensbegrenzung für die nachfolgenden Generationen betreiben – so ähnlich wie beim Betrieb von Atomkraftwerken. Die entsprechenden „Datenkraftwerke“ (wie Google, Facebook & Co.) sind ja bereits seit Jahren in Betrieb. Ich tippe darauf, dass es auf eine Diskussion um „Endlagerung“ und „Ausstieg“ hinauslaufen wird – über „Zerschlagung“ wie seinerzeit im Energiesektor wird ja bereits diskutiert. Ein anderes Szenario wäre ein Super-GAU im Sinne „Tschernobyl bzw. Fukushima der Daten“.

»Ein Vergleich zwischen Gutenberg und Zuckerberg liegt nicht deshalb nahe, weil die beiden Namen so schön ähnlich sind. Und er ist nicht deshalb absurd, weil es erst anderthalb Jahrzehnte her ist, dass Zuckerberg die Idee zu Facebook hatte. Zwar ist ein solcher Zeitraum eigentlich viel zu kurz, um diesen Mann in Relation zu setzen zu demjenigen, der in der Renaissance die bedeutendste Erfindung des zweiten Jahrtausends machte. Aber: Zuckerbergs Erfindung könnte sich als ähnlich weltstürzend erweisen wie jene Gutenbergs. Die Folgen seiner Erfindung kann er täglich erleben, anders als einst Gutenberg. Vor 14 Jahren erschuf Mark Zuckerberg Facebook. Seither pflügt sein Werk die Medienlandschaft um – ähnlich wie Johannes Gutenbergs Erfindung vor ihm. Gutenbergs Buchdruck mit beweglichen Lettern gilt als bedeutendste Erfindung des letzten Jahrtausends. Doch über das Leben des Medienrevolutionärs ist wenig bekannt. Um 1400 als Johannes Gensfleisch geboren, zieht er mit Anfang Dreißig nach Straßburg, damals eine Stadt der Tüftler. In Mainz kombiniert er seine Erfindungen von Handgießgerät, beweglichen Lettern, Druckerpresse und Druckerschwärze. Mit einem Geschäftspartner druckt er 180 Exemplare der Bibel mit je rund 1300 Seiten, die heute zum Welterbe zählen. Doch die beiden zerstreiten sich, und nach einem Prozess gehen sie getrennte Wege. Gutenberg druckt mit einem anderen Kompagnon weiter. Durch ihn ist er wohl auch an Vorbereitungen zur Gründung der Mainzer Universität beteiligt. Marshall McLuhan wiederum hat das Schlagwort vom "Globalen Dorf" geprägt und festgestellt: "Das Medium ist die Botschaft". Mit seinem 1962 erschienenen Buch "Die Gutenberg Galaxis" wurde der Kanadier Marshall McLuhan der erste Medientheoretiker – auch wenn es diesen Begriff damals noch gar nicht gab. McLuhan interessierte vor allem, wie Rundfunk und Fernsehen eine Gesellschaft verändern, deren Medienwelt 500 Jahre lang vom gedruckten Wort geprägt war. Im ersten Teil von "Understanding Media" (1964) führt McLuhan die graduelle Unterscheidung zwischen "heißen" ("hot") und "kalten" ("cool") Medien ein. "Heiße" Medien, sind solche, bei denen der menschliche Sinn mit hoher Informationsdichte angesprochen wird, während kalte Medien entsprechend solche mit geringerer Informationsdichte sind. In diesem Sinne spricht McLuhan auch von Medien mit hoher Auflösung ("high definition) und solchen mit niedriger Ausflösung ("low definition"). Inzwischen, keine 50 Jahre später, hat sich durch Internet und Smartphones eine weitere Medienrevolution vollzogen. Lassen sich McLuhans Erkenntnisse auf diese neue Welt übertragen?« (Detlef Esslinger, Tages-Anzeiger vom 5.4.2018 sowie SWR2 Wissen, Sendung vom 2.2.2018 [27:26] und Sendung vom 19.8.2013 [27:40] Produktion 2011)

Selbstbeschwichtigung statt Selbsterkenntnis - auf der Frankfurter Buchmesse behauptet man wie eh und je, das Buch sei die wichtigste geistige Nahrungsquelle der Zeit. Martin Burckhardt (*1957, lebt als Autor und Kulturtheoretiker in Berlin) meint jedoch:
Der Programmcode hat die Buchschrift längst abgelöst. "[...] die Träume der Schrift sind in die Welt der Programmierung hinüber gewandert. Hier wird tatsächlich noch über jede einzelne Zeile gestritten, werden Stil- und Nachhaltigkeitsfragen und die Problematik der Autorschaft diskutiert. Vor allem aber löst sich hier ein alter Literatentraum ein: Erstmals nämlich gehorcht die Welt den Gesetzen der Schrift. [...]". (Deutschlandfunk Kultur, Politisches Feuilleton, Beitrag vom 11.10.2017)

Es ist ein Irrtum, glauben zu wollen, es habe immer Geschichte gegeben, weil immer etwas geschehen ist; glauben zu wollen, die Schrift habe nur festgehalten, was geschehen ist; und die historische Zeit als jene Geschichtsperiode anzusehen, während welcher die Leute die Geschehnisse schriftlich festgehalten haben. Das ist ein Irrtum, denn vor der Erfindung der Schrift ist nichts geschehen, alles hat sich nur ereignet. Damit irgend etwas geschehen kann, muss es als Geschehnis (als Prozess) von irgendeinem Bewusstsein als Geschehnis wahrgenommen und begriffen werden. Das Schreiben ist eine Geste des historischen Bewusstseins.
Vilém Flusser (1920–1991) war ein Kommunikationswissenschaftler und Medienphilosoph. Seiner Meinung nach befindet sich die heutige Gesellschaft auf dem Weg in eine nachalphabetische Phase, bei der die Texte ihre Funktion verlieren. Diesen gegenwärtigen "Umbruch der Codes" charakterisiert Flusser als eine Situation der Krise – wobei er aber nicht nur die Probleme, sondern ebenso die Produktivität eines solchen Umbruchs erkennt. Flusser sagt voraus, dass das Alphabet als dominierender Code abgelöst werden wird. Dadurch würde sich auch die Auffassung von Raum und Zeit ändern, denn der lineare Zeitverlauf und der geometrische Raum sind nur für die Menschen eine Selbstverständlichkeit, die mit Texten aufgewachsen und von Texten geprägt sind.

Unter dem Titel »Unwirklich« (vom 22.7.2016) beschreibt Carolin Emcke in ihrer SZ-Kolumne die Szenerie im Dokumentarfilm »Schlagworte – Schlagbilder. Ein Gespräch mit Vilém Flusser« (1986) von Harun Farocki folgendermaßen: »[... Beide] sitzen im Café an einem kleinen, runden Holztisch. Hinter sich ein Fenster zur Straße, vor sich nur ein weißer Aschenbecher und die ausgebreitete Ausgabe der Bild-Zeitung vom 26. November 1985. Das ist auch schon das ganze Programm: Die beiden denken und sprechen zusammen, sie betrachten und analysieren die Zeitung vor sich auf dem Tisch. Jede Zeile, jede Überschrift, jede grafische Setzung, jedes Foto, jede Bildunterschrift wird ruhig und präzise auf seine Absicht und seine Wirkung untersucht. Dabei gestikuliert der eine mit der Pfeife, der andere raucht eine Zigarette. Mehr Handlung gibt es nicht. Allein der unaufgeregte Ton dieses Gesprächs, die Konzentration auf einen einzigen Gegenstand, der gegenseitige Respekt und die Fähigkeit, sich tatsächlich zuzuhören, sind aus heutiger Sicht schon eine Sensation. [...] Je länger dieses Gespräch zwischen Filmemacher und Philosoph andauert, desto unheimlicher wird es, den beiden zuzuschauen. Denn nach einer Weile klingt die Analyse des Mediums Bild-Zeitung aus dem Jahr 1985 erstaunlich zutreffend nach einer Analyse der Wirklichkeit im Jahr 2016. Was damals noch lediglich als Ausdruck eines hemmungslosen Boulevards vorstellbar war, ist inzwischen längst politische Realität [...] — das historische Geschehen in den vergangenen Tagen und Wochen überfordert in seiner rauschhaften Nervosität noch den nüchternsten Nachrichten-Junkie. [...]«. Der Medientheoretiker Siegfried Zielinski, u.a. Leiter des Vilém-Flusser-Archivs an der UdK Berlin, gibt weitere interessante Anmerkungen zu den Hintergründen des Films [29:00].

»[...] Wir sind mitten in einer Transformation, nur sind wir halt mitten im Wald. Und wenn man mitten im Wald ist, sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht. [...] Wir leben alle in einer Übergangsgesellschaft. Es gibt zwei Positionen. Entweder erdulden wir sie, weil wir nichts machen können, da es keine andere Gesellschaft gibt als diese, in der wir momentan leben. Man kann zwar ein Mittelalterspiel spielen, aber in Wirklichkeit lebt man trotzdem im 21. Jahrhundert. Also die einen, die sie erdulden müssen, weil sie halt stattfindet, ob sie wollen oder nicht und die anderen, die versuchen teilzuhaben, indem sie mitmachen, und zwar so, dass sie in die Richtung geht, die sie haben wollen. [...]« (Lisa Rosa im Gespräch mit Tim Pritlove)

Stifterverband/Metaebene Podcast "Forschergeist" (CC-BY 4.0):
FG043 Schule und Lernen in der digitalen Welt [2:18:54] vom 15.04.2017

Über die Wirkung von Wissenschaft auf die Gesellschaft und wie sich unsere Bildung ändern muss – Tim Pritlove im Gespräch mit Harald Lesch. In dieser Folge geht es um Wissenschaftsskeptiker und wie man mit ihnen umgeht, über das sich weiter verschlechternde Verhältnis von Wissenschaft und Politik, über den Klimawandel, die Schule und über das Geschichtenerzählen. Denn wir müssen, so Lesch, endlich damit beginnen, unseren Kindern die eine große Geschichte über unseren gefährdeten Planeten zu erzählen. Nur so können wir Bewusstsein schaffen und Verantwortung stärken. Und nur so können wir den haltlosen Erzählungen der Leugner und Skeptiker etwas Überzeugendes entgegenhalten.

Für diese Episode von Forschergeist liegt ein vollständiges Transkript mit Zeitmarken und Sprecheridentifikation vor, in der Sie das Gespräch komplett nach bestimmten Passagen durchsuchen oder einfach auch nur nachlesen können – und per Klick im Transkript an die entsprechende im Podcast springen.

Stifterverband/Metaebene Podcast "Forschergeist" (CC-BY 4.0):
FG055 Die Kunst des Wissens [1:45:23] vom 28.03.2018

Klaus Mainzer (*1947 in Opladen) ist ein deutscher Wissenschaftstheoretiker und Philosoph. Seit 2008 hat er den Lehrstuhl für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Technischen Universität München (TUM) inne. Seit 2012 ist er Gründungsdirektor des Munich Center for Technology in Society (MCTS) an der Technischen Universität München. Klaus Mainzer beschäftigt sich mit Komplexen Systemen, Künstlicher Intelligenz und den Paradigmen von Selbstorganisation. Neben deren mathematischen Modellierung zählen Logik, Erkenntnistheorie und Kognitionswissenschaft sowie die Philosophie der Mathematik und Informatik, der Natur-, Technik- und Kulturwissenschaften zu seinen Schwerpunkten.
Klaus Mainzers Auffassung von Philosophie ist das ursprüngliche Verständnis für Philosophie, wie es seit Aristoteles über Newton und Smith bis hin zu Max Weber geübt wird. Das heißt: Philosophie ist eingebettet in die Wissenschaft und beschäftigt sich mit deren Grundlagen und den Prinzipien dieses Wissens. Wenn ein Physiker, Ökonom oder Sozialwissenschaftler beginnt, zu den Grundlagen seines Fachgebiets herunterzusteigen, dann wird er automatisch zum Philosophen.

Harald Welzer (*1958 in Bissendorf bei Hannover) ist ein deutscher Soziologe und Sozialpsychologe. Die Schwerpunkte seiner Forschung und Lehre sind Erinnerung, Gruppengewalt und kulturwissenschaftliche Klimafolgenforschung. Er war Professor für Sozialpsychologie an der Universität Witten/Herdecke und kündigte 2011 diese Verbeamtung auf, um ein fachliches und politisches Zeichen für die gemeinnützige Stiftung "Futurzwei" zu setzen, deren Mitbegründer und Direktor er ist. Seit Juli 2012 ist Harald Welzer Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg, wo er das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research leitet.
In der Vergangenheit hat er sich mit Erinnerung beschäftigt und in der Gegenwart beschäftigt er sich mit der Zukunft. (WRINT, Folge 780 vom 20.1.2018)
Vortrag bei der GLOBArt Academy (2013)
Vortrag im Rahmen der Ausstellung IMAGES OF THE MIND des Deutschen Hygiene-Museums Dresden (2011)

Wirtschaftskrisen, die wachsende Weltbevölkerung und der sich verschärfende Klimawandel erschüttern das Bild einer Welt, die sich über Bildung, Forschung und eine sozialorientierte Ausrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung in eine Zukunft verwandelt, die für alle Menschen lebenswert erscheint. Es stellt sich die Frage, ob wir künftig ein Zweiklassensystem etablieren oder noch eine Chance auf eine Welt in Balance haben.

Tim Pritlove spricht mit Franz Josef Radermacher (*1950 in Aachen), Leiter des Forschungsinstituts für Anwendungsorientierte Wissensforschung (FAW), im Rahmen des Podcasts "Forschergeist" vom Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft e.V. Prof. Radermacher hat sich im Kontext Wirtschaft und Informatik früh mit der Erforschung der Rahmenbedingungen beschäftigt und durch sein Engagement im Club of Rome für eine stabile, prosperierende Entwicklung der Menschheit eingesetzt.

Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach (*1944 in Brunndöbra, Vogtland) vom Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gibt in der Vorlesung "Menschenbilder. Problemgeschichte der Anthropologie" (2012/13) eine Übersicht über die verstreuten und in disparate Fächer eingelagerten Wissensbestände von anthropologischer Relevanz. Es werden folgende Thematiken überblicksartig behandelt: Theologisch-politische und politisch-anthropologische Lehren von der "Natur des Menschen", Theorien zum Verhältnis von Evolution und Geschichte und Wissensgeschichte der Auffassungen des Zusammenhangs von Körperleib, Leibseele, Hirn und Geist. U.a. mit folgenden Sitzungen:

Beiträge von Konrad Lehmann: Denken mit Leib und Seele (27.5.2017) und Stephan Schleim: Körper ist Geist. Abschied vom Leib-Seele-Problem. Eine Replik auf Konrad Lehmann (31.5.2017) auf TELEPOLIS.
Desweiteren Hartmut Böhme: Zur Theologie der Telepräsenz In: Hager, Frithjof (Hg.): KörperDenken. Aufgaben der historischen Anthropologie; Berlin 1996, S. 237-249 (pdf)

Stephan Schleim (*1980) schrieb 2005 beim Bewusstseinsphilosophen Thomas Metzinger (*1958) seine Magisterarbeit zum Leib-Seele-Problem. Danach wechselte er in die bildgebende Hirnforschung für ein Promotionsprojekt über moralische Entscheidungen. Heute lehrt und forscht er als Assoziierter Professor für Theorie und Geschichte der Psychologe an der Universität Groningen. Konrad Lehmann forscht und lehrt als Neurobiologe an der Friedrich Schiller-Universität Jena. Sein Forschungsschwerpunkt ist die Fähigkeit der Hirnrinde, sich an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Hartmut Böhme (*1944), ehemals Inhaber des Lehrstuhls für Kulturtheorie und Mentalitätsgeschichte des Instituts für Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin, ist ein deutscher Kultur- und Literaturwissenschaftler. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören u.a.: Kulturgeschichte seit der Antike, historische Anthropologie und Psychohistorie sowie Natur- und Technikgeschichte in den Überschneidungsfeldern von Philosophie, Kunst und Literatur.

Dr. Joscha Bach (MIT Media Lab and the Harvard Program for Evolutionary Dynamics) is an AI researcher who works and writes about cognitive architectures, mental representation, emotion, social modeling, and multi-agent systems. He is founder of the MicroPsi project, in which virtual agents are constructed and used in a computer model to discover and describe the interactions of emotion, motivation, and cognition of situated agents. Bach’s mission to build a model of the mind is the bedrock research in the creation of Strong AI, i.e. cognition on par with that of a human being. He is especially interested in the philosophy of AI and in the augmentation of the human mind.

Holger Klein/Helmholtz-Gemeinschaft (CC-BY 4.0):
"RES109 Mal kurz zu Quanten" [12:31] vom 26.05.2017
"RES110 Quantenphysik" [2:06:56] vom 09.06.2017

Werner Heisenberg (1901-1976) formulierte das Problem mit der Quantentheorie im Gespräch mit Niels Bohr (1885-1962) einmal so: «Die Quantentheorie ist so ein wunderbares Beispiel dafür, dass man einen Sachverhalt in völliger Klarheit verstanden haben kann und gleichzeitig doch weiß, dass man nur in Bildern und Gleichnissen von ihm reden kann. Sie passen nicht genau auf die wirkliche Welt, auch stehen sie zum Teil in einem komplementären Verhältnis zueinander und widersprechen sich deshalb. Trotzdem kann man, da man bei der Beschreibung der Phänomene im Raum der natürlichen Sprache bleiben muss, sich nur mit diesen Bildern dem wahren Sachverhalt nähern.»
Der amerikanische Quantenphysiker James Jeans (1877-1946) ging so weit zu sagen, es sei wahrscheinlich ebenso bedeutungslos darüber zu diskutieren, wie viel Raum ein Elektron einnehme, wie darüber zu diskutieren, wie viel Raum eine Furcht, eine Angst oder eine Unsicherheit einnehmen.
Der österreichische Quantenphysiker Anton Zeilinger (*1945) geht davon aus, dass nicht Materie, sondern Information der Urstoff des Universums ist. Denn was wir Quanten oder Elementarteilchen nennen und all die physischen Eigenschaften, die wir der Realität zuschreiben, sind lediglich begrenzte Antworten, die wir von der Natur auf unsere begrenzten Fragen erhalten haben. Es sind also letztlich die Fragen und nicht die Antworten, die unser Weltbild bestimmen. Wofür wir keine Fragen haben, wird uns für immer verborgen bleiben.
Der US-amerikanische Physiker und Mathematiker Antony Garrett Lisi (*1968) entwickelte 2007 eine "Weltformel", die alle Vorgänge und Zustände im Universum beschreiben kann. Diese Theorie nennt sich "An Exceptionally Simple Theory of Everything" und verbindet Einsteins Relativitätstheorie mit der Teilchenphysik – also vom immens Kleinen im Quantenbereich bis zu den größten kosmischen Strukturen, den Galaxienhaufen und Superhaufen. Garrett Lisi stützt seine Theorie auf der größten exzeptionellen Lie-Gruppe E8, wobei er die bekannten Elementarteilchen entsprechend der Lie-Algebra anordnet.


Entnommen aus Natalie Knapp: "Der Quantensprung des Denkens - Was wir von der modernen Physik lernen können" (2011):

Um Struktur und Arbeitsweise von Netzwerken zu erfassen, ist die physikalische Theorie der Quantenmechanik geeignet. Dabei kann der menschliche Wunsch nach streng kausaler Abfolge von Ereignissen und Zuständen nicht aufrecht erhalten werden. Exakte Vorhersagen sind nicht gleichzeitig für alle Auswirkungen möglich. Je klarer einzelne Aspekte bestimmt werden, desto undeutlicher werden die Zusammenhänge – und umgekehrt.

Für routine- und nicht-routinemäßige Aufgaben sind jeweils eigene Denkstrukturen notwendig. Wenn man diese Unterschiede erkennt und die entsprechende Verarbeitung zulässt, können die notwendigen Fragestellungen angemessen formuliert werden. Ansonsten werden weiterhin nur begrenzte Antworten möglich sein – der unbekannte Rest bleibt verborgen.

Die Grundlagen unserer Existenz haben sich aus naturwissenschaftlicher Sicht als äußerst bewegliches Netzwerk flüchtiger Beziehungen herausgestellt. Aktuell ist unklar, wie aus dieser immateriellen Mikroebene scheinbar stabile Zusammenhänge in der Alltagswelt entstehen. Die Suche nach einer Lösung für dieses Rätsel wird möglicherweise auch bei Formulierung und Bearbeitung gesellschaftlicher Fragestellungen helfen. Dass gegenwärtige Weltbilder nicht mehr tragfähig sind, ist erkannt – es fehlen aber noch neue.

Vorlesungen am Institut für Politikwissenschaft der TU Dresden (2015)
Prof. Dr. Hans Vorländer
Lehrstuhl für Politische Theorie und Ideengeschichte
Prof. Dr. Werner J. Patzelt
Lehrstuhl für Politische Systeme und Systemvergleich

Im April 2017 erlebte das politische System der Türkei seine wohl tiefgreifendste Veränderung: Das Amt des Staatspräsidenten wurde zur zentralen Machtposition erhoben, das System der parlamentarisch kontrollierten Regierung abgeschafft. Bis 2019 werden die Veränderungen in Verfassung und System, entsprechend dem Referendum, umgesetzt werden. Bis dahin wird sich zeigen, welche Auswirkungen das neue politische System der Türkei auf die Republik Türkei und ihre Gesellschaft haben wird. Beitrag von Prof. Dr. Christian Rumpf für die Bundeszentrale für politische Bildung (10/2017).

Sendereihe des Deutschlandfunks in Zusammenarbeit mit ARTE, arte.tv/grosse-reden.
U.a. mit folgenden Beiträgen:
Obamas Reden: Politik als Storytelling [31:56]
Barack Obama war als Präsident ein herausragender Redner. Seinen Aufstieg ins höchste Amt der USA verdankt er dieser Kunst. Als Redner war er vor allem ein Erzähler. Indem er seine persönliche Geschichte mit der Geschichte Amerikas und der seiner Generation verband, gelang es ihm, gesellschaftliche Strömungen zu einen, die lange unversöhnlich schienen. (George Blaustein)
Der Politolinguist Thomas Niehr im Gespräch mit Michael Köhler [28:11]
Öffentlicher Streit um politische Aussagen - das ist Tagesgeschäft der Parteien, der Medien, und der Wähler. Thomas Niehr lehrt die Kunst der Analyse des politischen Wortes. Sprache in der Politik und das Sprechen über die Sprache der Politik sind die Gegenstände der vergleichsweise jungen Wissenschaft der Politolinguistik.
Kritische Kunst aus Propagandaplatten [28:13]
In manchen Reden verdichten sich Schlüsselmomente der Zeitgeschichte. Aber welche Bedeutung hat die Redekunst in einer Zeit, in der Politik von immer schneller zirkulierenden Bildern vermittelt wird? Und welche Wirkung kann das gesprochene Wort noch positiv wie negativ entfalten, wenn die Bilder fehlen? (Dani Gal und Achim Lengerer im Gespräch mit Frank Kaspar)

Sprache bestimmt unser Denken und Handeln – viel mehr, als uns das bewusst ist. Mit dem Spracherwerb formen sich im Gehirn kognitive Deutungsrahmen, so genannte Frames – umso mehr und umso nachhaltiger, je häufiger sie durch Sprache aktiviert werden. Welche Konsequenzen hat dies für den politischen Diskurs, für das Denken und Handeln in der Politik? Elisabeth Wehling (*1981) zeigt anhand zahlreicher Erkenntnisse der modernen Neuro- und Kognitionsforschung, wie über Sprache und die jeweils adressierten Frames Assoziationen geweckt, Meinungen gelenkt und Handlungen bestimmt werden können: So müssen beispielsweise im geläufigen Jargon Steuern aufgebracht, nicht etwa beigetragen werden, und ihre Lasten drücken uns, statt dass wir sie als Grundlage staatlichen Gemeinwohlhandelns begreifen. Ein bewussterer und klügerer Umgang mit der Sprache, so Elisabeth Wehling, sei eine der Grundvoraussetzungen für konstruktive Auseinandersetzungen in den zahlreichen politischen Debatten unserer Zeit. (Autorin: Elisabeth Wehling, Seiten: 224, Erscheinungsdatum: 05.07.2017, Erscheinungsort: Bonn, Bestellnummer: 10064)

»Die Geschichte Europas ist gekennzeichnet von Grenzverschiebungen, von Kriegen um Vorherrschaft und Territorien. Doch scheint der fest umgrenzte Territorialstaat ein inzwischen überholtes Modell zu sein. Die Internationalisierung der Politik, die Globalisierung der Handels- und Finanzströme oder politische Systemumbrüche stellen unser grundlegendes Verständnis von Grenzen im Zeitalter der Digitalisierung in Frage. Die schwindende Bedeutung territorialer Grenzen berührt die Verfasstheit der Staaten selbst. Zum einen lassen sie sich nicht mehr in gleicher Weise sichern, wie dies bis zur zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts selbstverständlich war. Zum anderen hat das Gefühl der "Entgrenzung" Auswirkungen auf die sozialen und kulturellen Aspekte unseres Zusammenlebens. Da sich Identität in der Erfahrung des Anderen ausbildet, konstituiert sich auch die Identität von Nationen aus der Wahrnehmung eines Gegenübers. Es verändern sich also nicht nur die geografischen und politischen Verhältnisse, sondern auch Einstellungen, Vorstellungen und Weltbilder. Wie gehen wir damit um?«

Die Konrad-Adenauer-Stiftung veranstaltete in Kooperation mit der TU Dresden vom 20.10.2015 bis 26.1.2016 die Vortragsreihe "Grenzen in Zeiten der Entgrenzung", um die vielfältigen Dimensionen mit namhaften Referenten und anschließender gemeinsamer Diskussion zu erschließen. U.a. mit folgenden Themen:
Vortrag von Werner J. Patzelt (2015)
Vortrag von Herfried Münkler (2015)
Vortrag von Peter Schaar (2015)

»Die Nation war an ihrem Beginn in der Französischen Revolution ein politisch fortschrittlicher, egalitärer Begriff, das Versprechen auf Gemeinschaft jenseits der Klassenschranken. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die Ideale, die sie vereinen sollten. Die Nation, das war 1789 die Gesellschaft derer, die sich unter dem Gesetz der Menschenrechte eine Verfassung in einem einzelnen Land gaben. Nation war also der übergreifende Gegenbegriff zur feudalen Ordnung der Stände, der Privilegien, der hierarchisch gestuften Gesellschaft. Als Bürger sollten die Franzosen fortan alle gleichermaßen Kinder des Vaterlands sein – die große Gemeinschaft orientierte sich immer noch an der patriarchalischen Familie, den Vorvätern und Brüdern, Toten und Lebendigen. Ein schöner Gedanke, der mit einer (vorerst männlich dominierten) Demokratie umstandslos harmonierte. Selbstregierung Freier und Gleicher in einem gegenwärtigen Kommunikationsraum mit vielen erhabenen oder auch schmerzhaften Erinnerungen – das bleibt bis heute ein schönes, flexibles und auf lange Sicht auch wirklichkeitsnahes, weil zwangloses politisches Ideal. [...] Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit aber können an den Grenzen einer Nation auf Dauer prinzipiell nicht haltmachen, auch das stand den Gründern dieser politischen Form von Anfang an vor Augen. [...] "Völkisch" nämlich ist – Rasse hin, Volk her – nur die kleine aggressive Schwester des Nationalen, dessen ewige schlechtere Möglichkeit. Denn der Missbrauch des Nationalen lief immer darauf hinaus, dass der Begriff der Nation zu völkisch verstanden wurde.« (Beitrag von Gustav Seibt auf sz.de, 13.9.2016)

Beitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 9.5.2016 von Steffen Mau, Professor für Makrosoziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Von 2007 bis 2014 leitete er ein Forschungsprojekt zum Wandel staatlicher Grenzregime in der OECD-Welt.

Herfried Münkler in der SRF-Gesprächsreihe "Sternstunde Philosophie": Natürlich ist Krieg. In vielen Ländern dieser Welt toben blutige Bürgerkriege. Doch stimmt es, dass sich Frankreich, dass sich der Westen im Krieg befindet?

Terrorismus-Debatte in der Süddeutschen Zeitung (11/2015):
"Im Zwischenzustand" Interview mit Herfried Münkler und "Genug geschlafen" von Stefan Weidner. Außerdem Pankaj Mishra mit dem Beitrag "Westgeist": »[...] Wir brauchen dringend echte Auseinandersetzungen und frische Denkansätze – die Tradition der Selbstkritik, mit der sich der Westen einst ja wirklich unterschied und aufklärte. Solange eifrige Konformisten und Karrieristen in der öffentlichen Debatte den Ton angeben, wird endloser Krieg die Standardannahme bleiben. [...]«

»Unsere Gegenwart ist von tiefgreifenden Verunsicherungen geprägt. Gesichert geglaubte Weltbilder, Wertvorstellungen und tradierte Wissensordnungen wurden erschüttert, und die Euphorie der Jahre 1989/90 ist verflogen. Das gilt für den vermeintlichen Siegeszug der Demokratie ebenso wie für die bisherige Selbstwahrnehmung des "Westens" als Impulsgeber für Fortschritt und Entwicklung. Hinzu kommen geopolitische Krisen, die das Empfinden von unkontrollierbaren Veränderungen verstärken.« In der Ringvorlesung "Kultur und Politik in Zeiten der Ungewissheit" vom 19.5.2015 bis 7.7.2015 bezogen führende Wissenschaftler und Intellektuelle zu den großen Fragen unserer Zeit Stellung und zeigten neue Wege zum Umgang mit Ungewissheit auf.
von Stefan Weidner, Pankaj Mishra, Carlo Strenger und Volker Perthes (2015)

"Islamismus" ist ein sozialwissenschaftliches Konzept, das seit den 1970er Jahren zur Charakterisierung von verschiedenen Ideologien und Bewegungen verwendet wird, die sich in einer spezifischen Weise auf den Islam berufen. Zur Frage der Abgrenzung des Begriffs "Islamismus" von anderen Begriffen wie "islamischer Fundamentalismus", "islamistischer Terrorismus" und "politischer Islam" existieren sehr unterschiedliche Auffassungen. Der Orientalist und Historiker Maxime Rodinson (1915-2004) sprach sich vehement gegen die Einführung des Begriffs "Islamismus" zur Beschreibung und Einordnung von Phänomenen des politisch-fundamentalistischen und extremistischen Islam aus – er gab zu bedenken, dass die Verwendung dieses Begriffs es den Rezipienten fortan erschweren könne, zwischen Extremisten und einfachen Gläubigen zu unterscheiden. Tatsächlich wurde in Frankreich und Deutschland noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts der Begriff "Islamismus" ohne Bezug zu Fundamentalismus und Extremismus synonym mit Islam verwendet. Ähnliche Schwierigkeiten treten bei der Abgrenzung der Begriffe "Dschihad" (als Anstrengung und Bemühung im Glauben des Islam) und "Dschihadismus" (als militante extremistische Strömung des Islamismus) auf.

Die Wurzel des neuen Terrorismus ist die Krise in Syrien und dem Irak. Dort hat der Islamische Staat eine totalitäre Utopie verwirklicht und sich damit eine Trainings- und Operationsbasis geschaffen. Aus Europa sind Tausende in den Konflikt gezogen. Dazu kommen "einsame Wölfe" und die Überbleibsel von al-Qaida. Sie drohen mit weiteren Anschlägen und kämpfen mit allen Mitteln gegen das europäische Gesellschaftsmodell – das friedliche Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft und Religionen. Peter Neumann (*1974 in Würzburg) vom International Centre for the Study of Radicalisation and Political Violence (ICSR), Department of War Studies, King’s College London ordnete die Bewegung in seinem Vortrag am 25.5.2016 in Dresden ein und zeigte, was diese Entwicklung für Deutschland und Europa bedeutet und wie der Bedrohung begegnet werden kann. Er geht dabei von einer "Fünften Welle" aus – basierend The Four Waves of Terrorism, by David C Rapoport (2004). Anhand des Beitrags The Rise of Muslim Foreign Fighters, by Thomas Hegghammer (2010) sowie eigener empirischer Forschung durch Analyse sozialer Netzwerke, Interviews und Feldbeobachtung beschreibt er detailliert die Entwicklungen der letzten Jahren.

»Man tut immer das, was man will – auch wenn man behauptet, dass man eigentlich gegen den eigenen Willen handelt. Man wünscht sich dann die Folgen, die sich aus den eigenen Handlungen ergeben, auch wenn man vielleicht im Moment nicht mag, was man gerade tut.« Humberto R. Maturana (*1928 in Santiago de Chile), chilenischer Biologe und Philosoph mit dem Schwerpunkt Neurobiologie, berichtet von seiner Begegnung mit Pinochet – eine Auseinandersetzung mit der eigenen Verführbarkeit und eine brisante Theorie der Macht. Heinz von Foerster und Niklas Luhmann wurden unter anderem stark durch Maturanas Theorien beeinflusst.
Auszug aus Humberto R. Maturana, Bernhard Pörksen: Vom Sein zum Tun. Die Ursprünge der Biologie des Erkennens, Carl-Auer Verlag, Heidelberg (2002)

Vorlesungen zu Gesellschaftstheorien am Institut für Soziologie der TU Dresden (2015)
Prof. Dr. Dominik Schrage
Lehrstuhl für Soziologische Theorien und Kultursoziologie

Prof. em. Dr. Wolfgang Eßbach (*1944 in Brunndöbra, Vogtland) vom Institut für Soziologie der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg gibt in der Vorlesung "Ungeliebte Moderne. Theoretischer Radikalismus im 20. Jahrhundert" (2009) eine Übersicht zur Erfahrung, Diagnostik und Verarbeitung von Modernität, die in der Zeit von 1900 bis 1945 ausgebildet wurden. Er behandelt dabei u.a. die Radikalisierung der Krieger- und Prophetenfunktion (Heer und Kirche zur Organisation der Massen) anhand von Ernst Jünger und Ernst Bloch sowie die Radikalisierung der Formfrage und des Entscheidungsproblems (zwischen totaler Linker oder totaler Rechter) anhand von Georg Lukács und Carl Schmitt – jeweils als "feindliche Brüder im Geiste".

Modernisierungsphänomene lassen sich nicht auf einseitige Art und Weise betrachten – es gibt vielfach kein Entweder-Oder, sondern meistens ein Sowohl-Als-auch. Somit sind oft unerwartete Entwicklungen und komplexe Veränderungsprozessen zu beobachten. Um dagegen theoretisch gewappnet zu sein, muss man sich die verschiedenen Dimensionen und Paradoxe der Modernisierung ständig vergegenwärtigen. Seit dem Spätmittelalter vollzogen sich in Europa eine Reihe von fundamentalen Veränderungen, welche zu neuen Denk- und Handlungsweisen führten.

Fortschritt bedeutete Verbesserungen, Verschönerungen, Erleichterungen und sogar Erlösungen – aber zugleich war Fortschritt auch eine Drohung. Wie leicht ist es doch, vom Fortschritt abgehängt zu werden, mit dem Fortschritt nicht Schritt halten zu können. Im Fortschritt ist es immer nur ein kleiner Schritt vom großen Versprechen zur großen Kränkung. Wie ist diese Fortschrittsidee entstanden? Und wie konnte es geschehen, dass sich dieser ideologische Begriff immer mehr vom philosophischen Begriff des Werdens entfernte, bis er schließlich in unserer Gegenwart das exakte Gegenteil meint: Das Werden der Menschen und der Menschlichkeit behindert den Fortschritt. Laut Manfred Hausmann: "Ohne Faulheit kein Fortschritt! Weil der Mensch zu faul war, zu rudern, erfand er das Dampfschiff. Weil er zu faul war, zu Fuß zu gehen, erfand er das Auto. Weil er zu faul war, abends die Augen zuzumachen, erfand er das Fernsehen." (Deutschlandfunk, Essay und Diskurs vom 4.2.2018)

Bis in das 18. Jh. gehörten zur Res publica literaria alle, die in wissenschaftlichem Austausch miteinander standen. Das wichtigste Medium war die briefliche Korrespondenz zwischen den Mitgliedern und der ausgedehnte Reiseverkehr. Der Begriff war von der Vorstellung getragen, dass im Bereich der Wissenschaften weder Standesunterschiede noch Nationalität von Bedeutung waren. Während in Europa Monarchien herrschten, bildeten die Gelehrten eine Republik.

“Histography" is interactive timeline that spans across 14 billion years of history, from the Big Bang to 2015. The site draws historical events from Wikipedia and self-updates daily with new recorded events. The interface allows for users to view between decades to millions of years. The viewer can choose to watch a variety of events which have happened in a particular period or to target a specific event in time. For example you can look at the past century within the categories of war and inventions.

Immanuel Wallerstein (born September 28, 1930) is an American sociologist and historical social scientist, arguably best known for his development of a general approach in sociology. Professor Wallerstein is Senior Research Scholar at Yale University. He received his PhD from Columbia University in 1959 and is the former President of the International Sociological Association (1994-1998), and chair of the international Gulbenkian Commission on the Restructuring of the Social Sciences (1993-1995).

Critical theory is a school of thought that stresses the reflective assessment and critique of society and culture by applying knowledge from the social sciences and the humanities. As a term, critical theory has two meanings with different origins and histories: the first originated in sociology and the second originated in literary criticism, whereby it is used and applied as an umbrella term that can describe a theory founded upon critique; thus, the theorist Max Horkheimer (February 14, 1895 – July 7, 1973) described a theory as critical as far as it seeks "to liberate human beings from the circumstances that enslave them". In sociology and political philosophy, the term critical theory describes the philosophy of the Frankfurt School, which was developed in Germany in the 1930s.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu (1930-2002) ging davon aus, dass gesellschaftliche Unterschiede wesentlich feiner sind, als sie beispielsweise von der marxistischen Theorie beschrieben werden. Nicht nur die Herkunft, sondern auch der sogenannte Habitus bestimme den Rang einer Person. Der traditionellen Aufteilung in Klassen stellt er ein hochdifferenziertes Modell entgegen, das geprägt ist von vier Kapitalarten: ökonomisches, kulturelles, soziales und symbolisches Vermögen. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem sogenannten Habitus zu. Bourdieu versteht darunter Gewohnheiten, Güter und Lebensstil, die jemanden als Angehörigen einer bestimmten sozialen Gruppe kennzeichnen. (Deutschlandfunk, Essay und Diskurs vom 26.11.2017)

Talcott Parsons (December 13, 1902 – May 8, 1979) was an American sociologist who served on the faculty of Harvard University from 1927 to 1973. Parsons developed a general theory for the study of society called action theory, based on the methodological principle of voluntarism and the epistemological principle of analytical realism. Although he was generally considered a major structuralist functionalist scholar. In an article late in life, Parsons explicitly wrote that the term "functional" or "structural functionalist" were inappropriate ways to describe the character of his theory – neither term was a name for any specific school but for universal methods.

Niklas Luhmann (December 8, 1927 – November 6, 1998) was a German sociologist, and a prominent thinker in systems theory. In 1961, he went to Harvard, where he met and studied under Talcott Parsons, then the world's most influential social systems theorist. In later years, Luhmann dismissed Parsons' theory, developing a rival approach of his own. In 1968 he was appointed full professor of sociology at the newly founded University of Bielefeld, Germany (until 1993). He continued to publish after his retirement his magnum opus "The Society of Society" (Die Gesellschaft der Gesellschaft, 1997). Luhmann is increasingly recognized as one of the most important social theorists of the 20th century.
About Luhmann's thinking concerning systems theory perspective and the ecological debate

Dirk Baecker (*1955) ist Professor für Kulturtheorie und Management an der Universität Witten/Herdecke. Er promovierte und habilitierte im Fach Soziologie bei Niklas Luhmann (1927-1998) an der Universität Bielefeld und ist ein Vertreter der Soziologischen Systemtheorie. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört der digitale Wandel der Gesellschaft. Von der Antike bis zur modernen Wissenschaft klopft er philosophische Krisen-Szenarien auf Antworten für heute ab. Woran kann man sich halten, wenn alte Gewissheiten sich unter dem Blick der Forschung auflösen? Wo findet man Orientierung auf schwankendem Terrain? Dirk Baecker im Gespräch mit Frank Kaspar (Deutschlandfunk, Essay und Diskurs, 1.1.2018)

Kurt Lewin (1890-1947) war ein Zeitgenosse Sigmund Freuds, arbeitete aber völlig anders als sein Kollege. Ihm ging es nicht um die Innenwelt des Einzelnen und dessen Therapie, sondern um das Zusammenspiel von Person und Umwelt. Im Zentrum seiner Forschung standen lange Zeit die Gruppendynamik und ihr Einfluss auf das Verhalten des Einzelnen. Er entwickelte unter anderem das Prinzip des "feedback", das Psychologen und Coaches bis heute bei Teamberatungen anwenden.

Führung muss sein, schlussfolgerte Lewin aus seinen Experimenten, aber alle müssen mitwirken dürfen – der demokratische Führungsstil ist der beste. Heute finden viele Psychologen Lewins Schlussfolgerungen eindeutig zu pauschal. Es gibt eine Menge gruppendynamischer Untersuchungen, die belegen, dass autokratisch geführte Gruppe effizienter sein können. Entscheidend ist vielmehr die Aufgabenstellung.

Die Organisation einer Gruppe ist nicht dasselbe wie die Organisation der Individuen, aus denen sie zusammengesetzt ist. Die Stärke einer Gruppe, die sich aus sehr starken Persönlichkeiten zusammensetzt, ist nicht notwendig größer, sondern vielmehr häufig schwächer als die Stärke einer Gruppe, die eine Vielfalt von Persönlichkeiten enthält.

Lewin kam nicht mit fertigen Konzepten, sondern begab sich selbst in eine offene Situation und wurde so ein Teil des Veränderungsprozesses – er machte die Klienten zu Experten in eigener Sache. Aus der Praxis für die Praxis entsteht so ein Modell des sozialen Wandels, das in drei Phasen verläuft: Auflockern der bestehenden Strukturen, Hinüberleiten zu neuen Möglichkeiten, Verfestigen der neuen Strukturen. Intervention, Beratung und Training gehören zusammen.

»Es heißt, wir leben heute im Mobilitätszeitalter. Das ist ein absoluter Irrtum. Die Menschen waren immer genauso mobil wie wir, nur haben sie früher nicht so lange Wege zurück gelegt. Das ist der wesentliche Unterschied. An der Zahl der Wege pro Person und Tag hat sich nichts geändert – es wurde die Geschwindigkeit erhöht. Wenn ein System die Geschwindigkeiten erhöht, entfernen sich auch die Ziele und Quellen voneinander. Das heißt, zugenommen hat nicht die Zahl der Wege, sondern zugenommen hat der Mobilitätsaufwand. [...] Ein System, das einen höheren Mobilitätsaufwand für die gleichen Zwecke verwendet, ist ein schlecht organisiertes System. [...] Schnelle Systeme sind ein Machtinstrument: sie zentralisieren die Macht. [...] Wenn wir die Geschwindigkeit aus dem System herausnehmen, entstehen wieder zwangsläufig kleine Strukturen. Wir müssen dann in der Nähe die Probleme lösen und sie nicht irgendwohin wegschieben – dazu werden qualifizierte Politiker, Fachleute und Menschen benötigt, die überblicken, was passiert. [...] Intelligente Elektromobilität ist geistige Mobilität.«
Hermann Knoflacher (*1940 in Villach, Kärnten) ist Professor emeritus am Institut für Verkehrsplanung und Verkehrstechnik der Technischen Universität Wien und spricht in der SWR2 Aula über Aspekte von Mobilität und Geschwindigkeit (2013).

Auf dem »12. Clausewitz-Strategiegespräch« am 18.4.2018 in Berlin, befand Frank Sauer vom Institut für Politikwissenschaften an der Universität der Bundeswehr in München, dass mit autonomen Systemen für die Kriegsführung das Ziel verknüpft werde, den militärischen Entscheidungszyklus weiter zu komprimieren und deutlich zu beschleunigen. Eine Autonomie bei Waffensystemen ist längst etabliert – etwa im Raketenabwehrsystem Patriot. Es müsse nun dringend darum gehen, ethische rote Linien in die Technik einzuziehen. Sonst komme die Menschheit mit der zunehmenden Entscheidungsgeschwindigkeit sich selbst steuernder Systeme "in Teufels Küche". Diese Problematik könnte etwa im Südpazifik besonders virulent werden, wenn sich dort "Wechselwirkungen zwischen zwei Algorithmen" in Systemen der USA und Chinas ergäben, die sich gegenseitig belauerten. In einem solchen Horrorszenario in einem Kalten Krieg zwischen Künstlichen Intelligenzen (KI) könne das gesamte politische System destabilisiert werden, meinte Sauer.

Die in Genf von den Vereinten Nationen seit 2014 geführten Gespräche über ein Verbot tödlicher autonomer Waffensysteme sind Sauer zufolge an einem "frustrierenden Punkt" angelangt, zumal die Staatengemeinschaft noch nicht einmal offizielle Verhandlungen aufgenommen habe. Bewegungen erfolgten allenfalls "in tektonischer Langsamkeit", sodass die politische Diskussion durch die technische Entwicklung überholt zu drohen werde. Die Rolle Chinas im Wettstreit um die Führungsrolle bei KI in möglichst vielen Bereichen hat der Westen laut Sauer noch nicht richtig verstanden. So habe Peking etwa auch den Begriff der "Schlachtfeld-Singularität" erfunden und stelle damit auf einen Punkt ab, an dem die KI die geistige Fähigkeit des Menschen überhole. Die Chinesen gingen also offenbar davon aus, dass die Beschleunigung des Gefechtsfeldtempos notgedrungen dazu führen werde, dass die Maschinen die Steuerung übernehmen müssten. Die USA ließen derweil durchblicken, dass sie nicht die ersten sein wollten, "die den Schalter umlegen zur vollen Autonomie" – die Fähigkeit dazu wollten aber auch sie besitzen. (heise online, 19.4.2018)

Hartmut Rosa (*1965 in Lörrach) ist ein deutscher Soziologe und Politikwissenschaftler, der an der Friedrich-Schiller-Universität Jena lehrt und dem Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt als Direktor vorsteht. Ein Forschungsschwerpunkt von Rosa sind Untersuchungen zur Zeitsoziologie. Demnach ist die Geschichte der Moderne gleichzeitig die Geschichte von Beschleunigung – dabei kommt es aber zu keinem Zeitgewinn sondern zu einer Zeitnot. Für das Individuum bestehen keine Steuerungsmöglichkeiten mehr, da sich das Tempo der Beschleunigung verselbständigt habe.
Wir wollen es in der modernen Gesellschaft immer schneller, besser, effizienter. Wir wollen in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Wissen aufnehmen, möglichst viel kommunizieren, möglichst viel im Job erledigen, möglichst viel entspannen. (2015)

Hartmut Rosa behauptet, dass moderne Gesellschaften kaum als durch ethische Regeln und Sanktionen eingeschränkt und daher als »frei« verstanden werden können, während sie doch durch weitgehend unsichtbare, entpolitisierte, nicht diskutierte und nicht artikulierte Zeitregime rigoros reguliert, koordiniert und beherrscht werden. Demnach können diese Zeitregime mit Hilfe eines einzigen und vereinheitlichenden Begriffs analysiert werden: der Logik sozialer Beschleunigung.

Wenn Beschleunigung das Problem ist – Entschleunigung aber kein Ausweg, sondern Symptom – dann ist Resonanz vielleicht die Lösung. Dies ist die Kernthese des neuen Buches von Hartmut Rosa »Resonanz: Eine Soziologie der Weltbeziehung«, Suhrkamp Verlag, Berlin (2016). Die Steigerungslogik der Moderne ist demnach sowohl Ursache als auch Folge einer gestörten Weltbeziehung, und zwar auf individueller wie kollektiver Ebene. Denn auch die großen Krisentendenzen der Gegenwartsgesellschaft – Ökokrise, Demokratiekrise, Psychokrise – lassen sich resonanztheoretisch analysieren, wie Rosa in seiner Soziologie der Weltbeziehung zeigen will.
Resonanz kann ein Ausweg sein aus der Steigerungslogik der Moderne, die sich das Immer-Mehr, Immer-Schneller und Immer-Besser auf die Fahnen geschrieben hat. Sie befreit aus falschen, weil oberflächlichen Welt- und Selbstzusammenhängen, sie konterkariert unsere permanenten Zerstreuungsmodi durch eine neue Aufmerksamkeit und kontemplative Sinnhaftigkeit. (2016)
"Es gibt wabernde Ideen eines charismatischen, mimetischen, erotischen, auratischen Weltverhältnisses. Das, was diese Alternativideen auf den Punkt bringt, so behaupte ich, das ist die Idee der Resonanz!" (Hartmut Rosa, 2017)

Byung-Chul Han (*1959 in Seoul, Südkorea) ist Autor und Essayist sowie Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Universität der Künste Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Philosophie ab dem 18. Jahrhundert im Allgemeinen, die Ethik, die Phänomenologie, die Ästhetik sowie die Sozial-, Kultur-, Religions- und Medienphilosophie. In seiner aktuellen Forschung befasst sich Byung-Chul Han mit transparentem Verhalten. Er befürchtet einen sozialen Druck zur freiwilligen Offenlegung intimer Details, der ihm zufolge ein totalitäres System der Offenheit zu Lasten anderer Werte wie der Vertraulichkeit und des Vertrauens erzeuge.

Byung-Chul Han sieht die Beschleunigung an sich nicht als beunruhigend an. Vielmehr sei es die lediglich additive Zunahme von gegenwärtigen Ereignissen bzw. Erlebnissen. Zwischen diesen Gegenwartspunkten besteht kein sinnvoller Zusammenhang mehr. Die Zeit wird fortgerissen in einer richtungslosen (d.h. sinnlosen) Art und Weise – die Gegenwart scheint dadurch zu schrumpfen. Entschleunigung allein bewirke dabei aber keine Heilung – vielmehr ist sie ein Symptom. Sie verlangsamt nur den Ablauf der Zeit, anstatt diese in eine »andere Zeit« (d.h. als sinnvoll wahrgenommene Zeit) zu verwandeln.

Die heutigen digitalen Bilder sind nach Byung-Chul Han ohne Stille. Diese ungestillten Bilder sprechen oder erzählen nicht – sondern lärmen. Bewegte Bilder zeichnen sich zusätzlich durch größtmögliche Ähnlichkeit mit der »realen Realität« aus, sie liefern so eine »Realitätsgarantie«. Die Schrift weist demgegenüber bspw. eine größtmögliche Differenz zur »Realität« auf). Dieser »Alibi-Realität« der Bilder kann man sich nicht ohne Weiteres entziehen. Bilder lassen keinen direkten Widerspruch zu – man kann ihnen nur indirekt sprachlich wider'sprechen'. Sprache bietet die Möglichkeit zu einer Ja-aber- oder Sowohl-als-auch-Codierung – ein Bild nicht. Bilder sind heute so konstruiert und werden so eingesetzt, dass es nicht mehr möglich ist, die Augen zu schließen. Es findet ein unmittelbarer Kontakt statt, der keine Distanz zum (Nach)Denken zulässt.

Denken setzt die Fähigkeit voraus, zu schließen, innezuhalten und zu verweilen. Ein Schluss ergibt sich, wenn der Anfang und das Ende eines Prozesses einen sinnvollen Zusammenhang, eine sinnvolle Einheit bilden – wenn sie ineinander greifen. Darin unterscheidet sich das Denken vom Rechnen. So lässt sich das Denken im Gegensatz zum Rechnen nicht beliebig beschleunigen.

Die digitale Kommunikation ist unfähig zum Dialog. Sie wird heute narzisstischer und führt zum Verschwinden des Gegenüber. Die entstehende Sinnentleerung verleitet zu pausenloser und ununterbrochener Kommunikation bis hin zu drastischen oder gar verrohten Formulierungen. Die gefühlte Leere soll damit ausgeblendet und durch noch mehr Kommunikation in der gleichen Zeiteinheit kompensiert werden – d.h. durch schnelle und/oder verkürzte Kommunikationsformen, welche eine reflexhafte Nutzung erlauben und das Ausblenden einer kontextuellen Einordnung hinnehmen. Das ist aber ein aussichtsloses Unterfangen, da sich sinnstiftende Kommunikation einer Beschleunigung generell entzieht.

Magnus Klaue (14.9.2016, zeit.de): »Han schreibt über alles, was der Feuilleton-Leser für wichtig hält: Buddhismus und Globalisierung, Aufmerksamkeit und Pornografie, Burn-out und Entschleunigung, Schwarmintelligenz und Flüchtlingskrise. Ein fernöstlicher Zivilisationskritiker mit Standbein im germanischen Kernland: Studium der Metallurgie in Seoul, dann Studium der Philosophie, deutschen Literatur und katholischen Theologie in Freiburg im Breisgau; Start-up-Mutation vom bergwerkskundigen Existenzschürfer zum transdisziplinären Medienphilosophen; ostentativ zurückgezogen lebend, aber haltlos publizierend.« — der Beitrag von Klaue liest sich als Kritik an der Form der Darbietung – inhaltlich kann er nicht wirklich einen Gegenposition entwickeln, sondern liefert seinerseits "steile" Thesen ab...
»Man kann die Wahrheit nicht erzählen. Die Wahrheit ist keine Geschichte, sie hat nicht Anfang und Ende, sie ist einfach da oder nicht. Sie ist ein Riss durch die Welt unseres Wahns: eine Erfahrung, aber keine Geschichte. Alle Geschichten sind erfunden, Spiele der Einbildung, Entwürfe der Erfahrung, Bilder, wahr nur als Bilder. Jeder Mensch, nicht nur der Dichter, erfindet seine Geschichten – nur daß er sie, im Gegensatz zum Dichter, für sein Leben hält – anders bekommen wir unsere Erlebnismuster, unsere Ich-Erfahrung nicht zu Gesicht.

Was wir haben: Ein Muster unserer Erfahrungen. Erfahrung ist ein Einfall. Sie ist nicht das Ergebnis einer Geschichte. Es ist umgekehrt, glaube ich. Die Geschichten sind das Ergebnis unserer Erfahrung. Die Geschichte, die unsere Erfahrung auszudrücken vermag, braucht nie geschehen zu sein, aber damit man unsere Erfahrung versteht und glaubt und damit wir uns selber glauben, sagen wir: So ist es gewesen! Eine Erfahrung, die sich nicht abbildet, ist kaum zu ertragen. Deswegen erfindet jeder Mensch sich eine Geschichte, die er dann, oft unter gewaltigen Opfern, für sein Leben hält.

Nur der Schriftsteller glaubt nicht daran. Indem ich weiß, dass jede Geschichte, wie sehr ich sie auch belegen kann mit Fakten und Daten und Namen und Orten, meine Fiktion ist, bin ich Schriftsteller.«

Max Frisch (1911-1991): Unsere Gier nach Geschichten In: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Vierter Band. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1998, S. 262f.

»Der radikale Konstruktivismus will eine Theorie des Wissens sein – und nicht des Seins. Es geht also um das Phänomen des "Anderen" in der subjektiven Erlebniswelt – nicht um seinen ontologischen Status als "Ding-an-sich".

Da Wissen für den Konstruktivsten nie Bild oder Widerspiegelung der ontischen Welt darstellt, sondern stets nur einen möglichen Weg, um zwischen den "Gegenständen" durchzukommen, schließt das Finden eines befriedigenden Wegs nie aus, dass da andere befriedigende Wege gefunden werden können. Darum kann, vom konstruktivistischen Gesichtspunkt aus, auch nie ein bestimmter gangbarer Weg, eine bestimmte Lösung eines Problems oder eine bestimmte Vorstellung von einem Sachverhalt als die objektiv richtige oder wahre bezeichnet werden.

Der Irrtum, in dem wir alle versponnen sind, ist aber die Annahme, dass eine einigermaßen passende Wirklichkeitskonstruktion die Gewissheit gäbe, die Welt sei "wirklich" so und endgültige Gewissheit und Sicherheit sei damit erreicht. Die möglichen Folgen dieses Irrtums sind schwerwiegend: Sie verleiten uns dazu, alle anderen Wirklichkeitskonstruktionen für falsch erklären (und womöglich zu bekämpfen), und sie machen es uns unmöglich, Alternativwirklichkeiten auch nur in Betracht zu ziehen, wenn unser Weltbild anachronistisch wird und daher immer weniger passt.

Der Konstruktivismus lädt ein, so zu handeln, so zu denken, dass eine Welt, die man sich vorstellt, existieren könnte. Das Gelangweilte liegt an dem Menschen, der gelangweilt ist, nicht an der Situation. Von großer Bedeutung ist die Möglichkeit, dass der Konstruktivismus eines Tages die Brücke zwischen den Natur- und Geisteswissenschaften schlagen könnte.« (Ernst von Glasersfeld & Paul Watzlawick)

»Objectivity is a subject's delusion that observing can be done without him (Objektivität ist die Wahnvorstellung eines Subjekts, dass es beobachten könnte ohne sich selbst).

Es sind nur die prinzipiell unentscheidbaren Fragen, die man entscheiden kann. — Warum? Ganz einfach: alle entscheidbaren Fragen sind ja schon vorentschieden, denn sie sind in einem Bereich gefragt worden, für den die Spielregeln bereits bestimmt sind. Weil bspw. die Frage, wie die Welt entstanden ist, prinzipiell unbeantwortbar ist, kannst du sie nur innerhalb eines kulturellen Rahmens beantworten. Physiker sagen mit dem Urknall; Religionen gehen von einem überirdischen Wesen, einem Gott aus, der die Welt erschaffen hat, etc.

Vertrauen zeigt sich, wenn ich nicht zu prüfen brauche, ob das, was ein anderer gesagt hat, der Fall ist oder nicht. Natürlich kannst du jetzt einwenden: "Der Hörer, nicht der Sprecher bestimmt die Bedeutung einer Aussage." Dann übernehme ich eben meine Interpretation dessen, was er jetzt gerade gesagt hat, das heißt das, was ich verstanden habe, das er gesagt hat; vertraue dem anderen. Und ich glaube, wenn man das weiterentwickeln würde, könnte man sagen: Das Problem der Wahrheit verschwindet, wenn man vertraut.

Woraus besteht Ordnung? Mein Vorschlag ist: Ordnung kann man dann sehen, wenn die Beschreibung eines Systems kürzer und kürzer wird. Wenn die Beschreibung eines Systems noch sehr lang ist, ist das System nicht geordnet; man muss dann von jedem Element sagen, wo es sich wie befindet.« (Heinz von Foerster)

Kybernetik zweiter Ordnung bezeichnet eine progressive intellektuelle Bewegung in Kybernetik und Systemforschung, die auf Heinz von Foerster zurückgeht. Er leitet aus der Erzeugung subjektiver Realitäten im Nervensystem eine Theorie ab, die in ihrer extremen Form als Beobachtung der Beobachtung (Beobachtung zweiter Ordnung) den Begriff einer objektiven Realität eliminiert und stattdessen den "Eigenwert" des kognitiven Systems als Ergebnis von Rekursionsprozessen beschreibt. Zumindest aber müsse der Beobachter eines Systems, sofern als Teil dessen aufgefasst, in die Beschreibung und Erklärung des Systems mit einbezogen werden. Niklas Luhmann hat das rekursive Prinzip der Beobachtung der Beobachtung im Bereich der soziologischen Systemtheorie angewendet.

Oder »Wir sehen nicht, dass wir nicht sehen«. Wenn Heinz von Foerster davon spricht, dass Wirklichkeit "er-funden", "er-rechnet" und "er-kannt" wird, geht es nicht um passive Reproduktion des Vorhandenen, sondern stets um schöpferische und lebendige Vorgänge: Es wird etwas erzeugt, es wird etwas erfunden – und nicht (vor)gefunden, nicht entdeckt. Die Sehnsucht nach der Sicherheit des Absoluten, die Halt geben soll, ist gefährlich. Einem Menschen wird so die Verantwortung für seine Sicht der Dinge genommen. Die Eigenverantwortung und Individualität des Einzelnen sollte aber betont werden – er muss in die Lage versetzt werden, auf eigenen Füßen zu stehen und seinen persönlichen Anschauungen zu vertrauen. Die Welt als eine Erfindung aufzufassen, bedeutet, sich als ihren Erzeuger zu begreifen – so entsteht Verantwortung für ihre Existenz.

Interview mit Heinz von Foerster (1911-2002) in Das Netz (2004)
Conversations with Ernst von Glasersfeld (1917-2010) Part II (2005)
Über Paul Watzlawick (1921-2007) auf radioWissen.de (2016)